Stadtentwicklung
Bauen nach historischen Vorbildern – Eine Frage von Ästhetik und Ökonomie
Neues Bauen nach alten Vorbildern gibt Individualität. Die Architektur ist spannend und weit entfernt von den minimalistischen, cleanen, dem Kubus verhafteten Neubauten. Eine Straße gesäumt von ausschließlich modernen, nur scheinbar experimentellen Häusern, mündet in der Wahrnehmung des Betrachters letztlich doch in Langeweile. Die sachlichen Häuser sind austauschbar, sie wirken wie von der Stange, sie sind teils hochpreisig und im Innenraum hochtechnologisch, so doch von außen zwar kantig, aber weder markant, noch von Persönlichkeit getragen.
Wenn Bauherren so finanzstark sind, um in den besten Lagen neu bauen zu können, wäre es doch ein Dienst an der Gesellschaft, einen Augenschmaus zu erstellen. Es wäre wünschenswert, dass sie den Spaziergängern und dort lebenden Menschen etwas zum Anschauen lieferten. Träume zu generieren, Wohlbefinden durch Ästhetik zu erzeugen, sollte unbedingt eine Aufgabe begüterter Bauherren sein, denn: nach dem Grundgesetz gilt: Eigentum verpflichtet, was nicht nur monetär zu verstehen ist.
Eine Art, sich dem historisierendem Bauen zu nähern ist die Anbringung von Gestaltungselementen aus dem Klassizismus. Mit Stuckarbeiten, Säulen und klassischen Fensterumrahmungen lassen sich einfache unscheinbare Bauten ganz individuell ästhetisch verbessern. Die Fassade wird aufpoliert in Erinnerung oder enger Nachahmung an alte Vorbilder. Die Häuser, die wirklich nach den Vorbildern aus dem 18. bis frühen 20. Jhd. erbaut werden, dürfen alte Bezeichnungen führen wie beispielsweise Villa, Winzerhaus, Landhaus, Torhaus, Cottage etc. Internet, Smart Energy, Home-Office und Wärmepumpe sind dazu kein Widerspruch. Alle Bezeichnungen von modernen Neubauten sollten sich von romantischen oder herrschaftlichen Wortschöpfungen fernhalten, sie sind ausschließlich der Sache, der Funktion gewidmet, nicht aber einem Wohnen im Sinne von angenehm und wohlfühlend, sondern im Gefühl von trockener, sinnvoll und kostengünstig temperierter, technisch einwandfreier Unterbringung – „storrage“. Auch Fachwerkhäuser nach neuesten Materialkenntnissen können heute immer noch neu erstellt werden, in finanziell tragbarem Rahmen. Es ist möglich, die vorteilhaften, schönen architektonischen Elemente aus der „alten Zeit“ zu benutzen, moderne Abwandlungen sind allerdings erwünscht. Es ist zu vermuten, dass ein Stadtviertel mit guter und anerkennenswerter, fast schon geliebter und auf jeden Fall gelebter Architektur die Zeiten eher überdauert und nicht alle 40 Jahre der Abrissbirne anheim fällt, als schnell und ohne Glanz und Besonderheiten erbaute Einzelhaus-Wohnsiedlungen.
Historisierendes Bauen kann eine gute Sache sein. Mit Vorsicht ist jedoch das ungefähre, angelehnte Nachbauen eines alten Gebäudes im gewerblichen Bereich. Manchmal kommt dabei eine ungute Mischung heraus, die das Markenzeichen des „Billigen“ trägt, aber „teuer“ oder gar „edel“ sein will. Es ist wie eine Goldene Krone, die aber schon von weitem als schlechte Kopie zu erkennen ist - Gute Kopien hingegen hätten sehr wohl ihren Preis - In diesen Fällen wäre es wesentlich besser gewesen frei und ökologisch architektonisch zu experimentieren. Sowohl Architekt als auch Bauherr, beide sollten das Grundkonzept der „alten“ Ästhetik des Bauwerks tiefgreifend erfasst haben.
Insbesondere die Stadtverwaltungen sollten mehr auf das Bauen nach historischem Vorbild setzen, oder wirkliche Experimente auf höchstem technischem Niveau als Vorreiter in Auftrag geben. Schöne Mittelstädte gibt es nicht sehr viele, hässliche dagegen schon. Ist es nicht auch eine Pflicht der Stadtverwaltung unter anderem dafür zu sorgen, dass sich die Bürger in der Stadt wohlfühlen? Glas- und Stahl-Bauten tragen nur selten dazu bei. Über kurz oder lang bekommen die Bürger eben doch mit, ob sie in einer schönen oder in einer sehr unschönen Stadt wohnen. In einer schönen Stadt können sich auch Bürger mit kleinem Geldbeutel durchaus mal so fühlen, als würden sie residieren und nicht nur wohnen. Kontinuität und eine geringe Fluktuation ist für eine Stadt überlebenswichtig zumindest standartsichernd: Ziehen die Leute weg, dünnt sich die gesamt Infrastruktur aus, die Behörden gehen, die Ärzte verschwinden. Dort zu leben wird aufwendiger und somit indirekt auch teurer. Heute mag die Hafencity Hamburg noch einigermaßen interessant sein, doch schon in 20 Jahren wird die riesige Ansammlung an neuen und neuartigen Bauten sehr unschön wirken. Es scheint nicht beabsichtigt, dass die Glas-, Stahl und Betonbauten Patina kriegen, nur lässt es sich nicht vermeiden. Wäre diese von vorneherein im Plan gewesen, dann sähe die Architektur anders aus.
Ästhetik hat auf lange Sicht auch eine positive monetäre Ebene. Die alten restaurierten Speicherstadt-Stadteile in Hamburg erfahren eine Renaissance und erzielen auf dem Immobilienmarkt Höchstpreise. Das wird leider oft vergessen, erstaunlicherweise auch von Menschen, die Ihr Geld aktiv verdient haben und ein solides betriebswirtschaftliches Wissen aufweisen. Substanzhaltige Bauten verlieren Ihren Wert selten, meist gewinnen sie Wert hinzu. Selbst wenn das ganze Viertel an Wert verliert, so weisen großbürgerliche, oder auch kleine, aber prächtige Häuser immer noch einen überdurchschnittlichen Wert zum Rest der Umgebung auf.
Wenn schon nicht die Ästhetik im Vordergrund der Architektur steht, so sollte es zumindest die langfristig ökonomische Sichtweise sein, die zu mehr substanzhaltigen Bauten führt. Früher war keinesfalls alles besser, aber das was besser war, kann man durchaus in die Überlegungen einbeziehen. Spannender ist Experiment, die schlechteste Lösung allerdings ist das Verharren im Kubischen, auf Kurzfristigkeit ausgelegten.
Alexander Venn


