Stadtentwicklung
Farbige Städte – Das Farbwörterbuch gibt Inspiration für Architekten und Stadt-Designer
Viele Städte sind nicht gerade von Farbigkeit geprägt. Ganze Straßenzüge sind grau, gräulich bis hin zu schmutzig – ein Einerlei. Wenn man auf Farbigkeit trifft, dann sind es intensive Kleckse in den Grundfarben, die nur zum Zwecke des Auffallens angebracht wurden. Nuancierung und Farb-Harmonie geschweige denn assoziative Stimmigkeit im Sinne der Empfindungs- und Wahrnehmungswelt der Stadtbewohner stand nicht unbedingt im Focus der Farbkreation.
Das Farbwörterbuch von Prof. Axel Venn und Janina Venn-Rosky ist eine Inspirationsquelle. Man stelle sich vor, eine Stadt möchte „Frühlingshaft“ erscheinen, also das ganze Jahr über eine angenehme Aufbruchsstimmung gepaart mit einer gewissen natürlichen Anmutung verbreiten. Über 80% der Farbgebung sollte Grün-Gelb in verschiedenen Nuancen sein. Ein paar blumige, angenehme Farbtupfer ergänzen die Farbigkeit. Auf Schwarz und Grau sollte doch gänzlich verzichtet werden – das sind keine Frühlingsfarben.
Städte und Stadtquartiere sind heute schon auf ein Branding bedacht. Sie versuchen Alleinstellungsmerkmale zu kreieren. Die häufigsten sichtbaren Mittel zur Zielerreichung stellen architektonische mehr oder weniger gelungene Meilensteine und mit ganz viel Glück sozial-ökonomisch und ökologisch sinnvolle technische Innovationen dar. Anstelle dass man nur auf Neubauten setzt, könnte man auch schon mit Farbe in der Stadt schon sehr viel erreichen. Die wunderbare Tristesse und gewünschte melancholische Erscheinung von Paris im Regen ist ein gutes Beispiel für gelungene Farbgebung. Da aber die meisten Städte schon aufgrund ihrer Bausubstanz bei Regen nicht wunderbar melancholisch, sondern einfach nur hässlich erdrückend im Regen wirken, könnte hier beispielsweise eine „Exotische“ Farbgebung Wunder wirken. Auch hier haben Schwarz Grau und Braun keine wirkliche Berechtigung. Vielmehr haben wir es mit 21% Rot, 15% Grün, 12% Violett und 10% Hell-Orange usw. zu tun. Die statistische Auswertung ist sehr detailliert und mit dem RAL-DESIGN Farbcode versehen. Für die etwas weniger Wagemutigen sind auch 5% einer ganz hellen Tonigkeit vorhanden.
So sehr haben wir nun das Schwarz verdammt. Doch will sich ein Quartier oder ein exklusiver Straßenzug ganz bewusst als „Teuer“ verkaufen, als solcher auch gezielt im Auge des Betrachters wahrgenommen werden. So empfiehlt es sich, zu 12% auf Schwarz, 20% auf Rot oder 6% auf Lila zu setzen, auch Pink wird im Zusammenhang als teuer empfunden. Aber auch, je nach Nuancierung als „Kitschig“. Eine Einkaufsmeile, die ganz bewusst auf „Kitschig“ setzt, kann hier die richtige Farbwelt ablesen. Mit Kitsch wird unglaublich viel Geld verdient, warum nicht ganz offensiv damit umgehen?
„Arm“ zu sein und das auch nach außen zu tragen, kann kaum das Ziel des städtischen Marketings sein. Wenn sich die Farbigkeit der Stadt in vielen Braun- und Schmutztönen sowie Grau und Schwarz präsentiert, dann ist es vielleicht Zeit, über ein Auffrischung der Stadt nachzudenken. In einer ärmlichen Umgebung lässt sich eben auch schwer Mut zum Aufbruch schaffen. Das Interesse des Bürgermeisters sollte es aber sein, die Stimmung in seiner Stadt zu heben. Für irgendetwas ist (fast) immer Geld da und sei es aus dem staatlichen Programm für notleidende Kommunen. Warum also nicht für Farbe. Farbe ist wichtig für die Assoziationen, die die Menschen mit einem Produkt verbinden. Viele, insbesondere die erfolgreichen Hersteller von wertvollen Konsumgütern wissen um die psychologischen Effekte von Farbgebung, die weit über die reine Funktion hinausgehen. Städte sind Anbieter von Wohn- Arbeits- und Lebensraum und eben auch von Lebensgefühl. Die richtige Farbigkeit rundet das Produkt „Stadt“ ab.
Will eine Stadt „Eiskalt“ wirken? Eiskalt kann im Sommer unglaublich erfrischend sein. Im Winter ist „Eiskalt“ etwas Schönes - es gibt genügend Menschen, die freiwillig in den tiefsten Nordischen Ländern wohnen. Eis – Kalt – Wässrig – Klirrend – Schön. Das sind je nach menschlichem Temperament auch sehr positive Empfindungen. Vielleicht keine Farbigkeit für eine Mega-City, doch wenn 90% der Töne in einer Blautönung mit hohen Helligkeitsanteilen das Stadtbild prägen, so kann das für eine erholsame Kleinstadt durchaus das gewünschte Modell sein. Ein nordisches, arktisches Paradies in Deutschland.
Jede Stadtentwicklung sollte ein Zukunfts- und Marken-Konzept aufweisen. Wie sieht das Leitbild aus, welches Gefühl sollte bei Bewohnern und Besuchern vorherrschen? Stadtentwicklung ist eben nicht nur das Lösen von Infrastrukturproblemen, sondern eine umfassende Produktentwicklung. Ein neues Altenheim kann technisch noch so modern sein, wenn es auch von Außen einfach nur ein grauer, halbverglaster Klotz ist, dann fehlt etwas. Die Mehrkosten für einen, auf die Benutzer abgestimmten Farbanstrich sind vernachlässigbar, können aber eine enorm positive Wirkung haben.
Das Farbwörterbuch wartet mit 360 Adjektiven auf, die alle sehr detailliert, sowohl statistisch nachweislich, als auch chromatisch sortiert, die zugehörige Farbwelt zeigen. Für Architekten, Stadtplaner und Projektentwickler ist das Farbwörterbuch ein sehr wertvolles Instrument, um der Stadt, einzelnen Straßenzügen oder wichtigen Gebäuden eine ganz eindeutige Identität zuzuordnen. 20.000 von Probanden gemalte Einzelbilder sind die Grundlage des Farbwörterbuches.
Die Zukunft gehört den bunten Städten im Wortsinn. Zur Homepage der Autoren - Das Farbwörterbuch
Alexander Venn, Januar 2010


