Stadtentwicklung
Finanzkrise kappt Wolkenkratzer und versenkt Inseln
Dass die Finanzkrise letztlich überall ihre Spuren hinterlassen wird scheint sicher, die großartigen prestigeträchtigen Baukomplexe trifft es hart.
Die Finanzkrise macht vor phantastischen und berauschenden städtebaulichen Träumen nicht halt. In den letzten Jahren lieferten sich insbesondere die aufstrebenden Städte der Welt einen Wettlauf um das jeweils höchste, beste und architektonisch spektakulärste Hochhaus, oder um das bemerkenswerteste Terraforming, wie künstliche Inseln im Meer etc… Dubai baut nach wie vor an seinem ca. 800 Meter hohen Komplex Burj Dubai, doch dieser ist auch schon fast fertig. Dort aber, wo gerade mal das Fundament steht, sieht es mit der Verwirklichung der Vorhaben eng aus. Viele Projekte sind „aufgeschoben“ wie der Trump Tower in Dubai oder der Wolkenkratzer Rossija im Moskauer Neubauviertel Moscow City. Von China sind solche Nachrichten im Moment noch relativ selten.
Die Frage darf gestellt sein, weshalb die Projekte aufgeschoben werden, obwohl sie für so wichtig gehalten wurden.
Eine Antwort ist mit Sicherheit, dass die kostspieligen Projekte zu einem hohen Anteil kreditfinanziert sind. Die Refinanzierung und der Gewinn sollte über den Verkauf der Etagen und Wohnungen oder Büros während der Bauphase erfolgen. Die Bauherren und insbesondere die Investoren und letztlich auch die Banken sehen jedoch keine ausreichende Nachfrage mehr. Die Zeiten sind hart für die erfolgsverwöhnten Makler in den Boom-Towns. Insbesondere in der Golfregion war es ein bisher sehr ertragreiches Konzept mit einigen eigenen Milliarden die Anlaufphase der Großprojekte zu finanzieren – der große Rest wurde global eingesammelt. Die besondere Architektur machte aus den Investitionsobjekten auch gleichzeitig Prestigeobjekte. Wenn man das Geld hat, dann macht es auch Spaß es auszugeben, besonders wenn man einige Meter höher wohnt als der Bekannte aus dem Golfclub. Manchmal ist eben nicht die Adresse, sondern das Stockwerk die relevante Größe im sozialen Miteinander. Der Artikel zu diesem Thema „Der globale Höhenkoller“ im Spiegel 2/2009 liest sich schon einigermaßen dramatisch. Von kostenlosen Mittagessen für sich langweilende Makler oder verschobenen Projekten von Stararchitekten und einer Insel, die jetzt doch noch nicht entstehen soll, ist dort die Rede. Die Tragik liegt insbesondere in den Objekten, die gerade fertig gestellt wurden, die aber nicht in einem gewachsenen Viertel liegen, sondern umgeben von Planbaustellen situiert sind. Was passiert mit Luxusresidenzen, die in einer Bauruinen-Nachbarschaft liegen? Wie heimelig fühlt man sich in einem Luxusturm, der für sich genommen zwar atemberaubend in die Umgebung strahlt und voll funktionsfähig allen erdenklichen Komfort bietet, der aber in einer Brachlandschaft angesiedelt ist, ohne all die Kräne, die den Fortschritt symbolisieren sollen? Ein Viertel im Bau läßt die Immobilienpreise immer weiter steigen, unvollendeter Stillstand jedoch ist für die Ansässigen katastrophal, die Preise fallen. Die Refinanzierung ist nicht mehr gesichert.
Hier ist nun gut durchdachte und kalkulierte Stadtentwicklung gefragt. Wie soll sie auf diesen neuen Zustand reagieren? Vielleicht lohnt es sich, selbst Geld in die Hand zu nehmen und das Gebiet wie geplant fertig zu stellen. Ein anderer Weg ist es, die Bauruinen wieder abzubauen und eine attraktive Landschaftsgestaltung vorzunehmen, dann hat man eben eine moderne Version von Versailles vor der Haustüre. Das kann sich auch lohnen. Zu warten bis die Krise vorüber ist, um dann dort anzudocken, wo man einst aufgehört hat, das scheint nicht beste Lösung zu sein, denn so wird sich das Spiel nicht wiederholen. Wenn die Gelder wieder fließen, dann sicherlich woanders hin, vielleicht sogar ganz dicht neben an, aber nicht genau dort hin. Zudem gibt es bis dahin wieder ganz andere Entwürfe, Vorstellungen davon, was In ist. Wird wieder Prestige gefragt sein oder vielleicht Nachhaltigkeit gepaart mit Understatement? Trotz Krise dreht sich die Welt immer weiter.
Viele Immobilien-Hochburgen der neueren Zeit werden diverse Wege finden müssen, wie sie mit der jetzigen Situation umgehen. Einige werden vormachen, wie es geht.
Alexander Venn, Januar 2009



