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Ist das Leben auf dem Land wirklich günstiger als in der Stadt?

Informationsportal: Urbanisierung & Stadtentwicklung & Grüne Stadt ___________Friday, 10 . Feb . 2012 | KW06

Stadtentwicklung

Ist das Leben auf dem Land wirklich günstiger als in der Stadt?


Die Kostenwahrheit bei der Wohnstandortwahl ist mitunter eine ganz andere als die wahrgenommene. Der Umzug aufs Land ist langfristig nicht unbedingt die preiswertere Alternative.

In dem Forschungsprojekt „Kommunikation zur Kostenwahrheit bei der Wohnstandortwahl“ der FH-Erfurt und der Universität Kassel geht es genau darum, die kostenrelevanten Faktoren herauszuarbeiten, die nicht unbedingt sofort gesehen werden. Es soll am Ende ein Tool entstehen mit Hilfe dessen Umzugswillige ihre wirklichen zukünftigen Kosten modellieren lassen können. Daraus wird sich dann eine Handlungsempfehlung ableiten lassen.

Üblicherweise sind der Mietspiegel und die Grundstückspreise auf dem Land erheblich preiswerter als in der Stadtmitte. Das verleitet natürlich zu dem Gedanken, dass diese Ersparnis so groß ist, dass der Umzug aufs Land die ökonomisch richtige Entscheidung ist. Diese Empfindung ist umso stärker, je deutlicher der zukünftige Familienzuwachs optisch wahrnehmbar wird. Mehr Platz im Haus oder ein Zimmer extra, mehr Grün ums Haus, all dieser Zugewinn bei einer geminderten Miete beziehungsweise überhaupt finanzierbarem Immobilienerwerb.

Der Haken sind die vielfältigen Zusatzkosten, die man plötzlich hat. Das Auto wird nun nahezu unumgänglich. Die Spritpreise steigen und eine Alternative wie U- oder S-Bahn existiert nicht mehr. Im Notfall aufs Fahrrad umzusteigen, scheitert an den langen Wegen. In der Stadt hat man mehr Verkehrsalternativen, wenngleich manche einem nicht unbedingt genehm sind, so stellen sie doch eine finanziell tragbare Lösung dar. Zu Fuß einkaufen zu gehen oder gar zur Arbeit zu kommen, ist wohl des öfteren vollkommen illusorisch.

Für alles, was nicht unbedingt lebensnotwendig ist, bleibt nur die Fahrt in die große Stadt. Selbständige, die viele unübliche Kleinigkeiten und Services für ihre Tätigkeit benötigen, sei es eine A2 Kopie oder einen Mac-Laden, werden gewisse Probleme haben, ihre Bedürfnisse decken zu können. Die Bedarfsbeschaffung ist kompliziert. Weiterhin ist es je nach Arbeitszeit ein zeitlogistisches Problemlösungsspiel die frischen Lebensmitteleinkäufe tätigen zu können. In Hamburg-Stadt hat der Supermarkt bis um 22Uhr geöffnet, in Berlin gibt es einige 24Std. Supermärkte. Das sieht auf dem Land teilweise eben anders aus. Man tauscht also Flexibilität und fast permanente und hochdifferenzierte Warenverfügbarkeit durch Ruhe und möglicherweise gewollte Zwangspausen aus. Je nach Job kostet Inflexibiltät Zeit und/oder Geld, insbesondere wenn man gezwungen ist, das Nötige eben doch jetzt und sofort beschaffen zu müssen – diese Situationen gibt es nun mal. Für Häuslebauer gilt speziell, dass sie auf dem Lande zwar im Vergleich zur Stadt geringe investive einmalige Kosten haben, der variable, also laufende Kostenanteil aber durchaus hoch sein kann. Der demografische Wandel wird auch hier noch einmal betrachtet werden können. Ältere Menschen sind auf eine fürsorgende und in vielerlei Hinsicht barrierefreie Infrastruktur zunehmend angewiesen. Das läßt sich in Städten leichter und von Seiten der Stadt erheblich kostengünstiger bewerkstelligen. Die Flächendeckung mit Arztpraxen wird zunehmend ein Politikum sein, hinter dem eindeutige Kostenmodelle stehen.

Im Fokus stehen die Umzugswilligen, aber auch für die Stadtplanung wird das Modell wertvolle Hinweise geben. Es stehen sich gewisse Parameter gegenüber, so ist ein relativ differenziertes Wohnangebot inklusive Stadtrandringe wichtig, um Einwohner halten oder sogar hinzugewinnen zu können. Auf der anderen Seite muss für alle Randlagen die Infrastruktur mit zum Teil erheblichen Wegstrecken aufgebaut und untgerhalten werden. Wenn die ehemals neue Siedlung nicht mehr das ist, was sie mal war, ist ein Rückbau nur schwer umsetzbar und politisch kompliziert durchzusetzen. Private Investoren für die Sanierung von Randlagen zu finden, ist schwierig, die Sanierung von Innenstadtlagen verspricht eine höhere Rendite. Polizei und Rettungskräfte müssen auch an den Stadträndern und angrenzenden Orten schnellen Zugang erlangen können. Kompaktheit oder Wohndichte sind kostenrelevante Faktoren im Haushaltsplan der Städte. Eine dünn besiedelte Flächennutzung kostet nicht nur einmalige Infrastrukturaufwendungen, sondern auch laufend Personal. Von Seiten der Städte wird die Siedlungsproblematik eben auch mit Kosten/Nutzen Relationen betrachtet. Der Footprint einer Stadt ist nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch zu bewerten. Die Analyse der direkten Flächennutzung ist ein wesentlicher Faktor dazu.

Das Forschungsprojekt ist spannend und wird sicherlich das eine oder andere Nachdenken bewirken. Quantifizierung ist hier in Teilen möglich und sicherlich auch überzeugend.

Alexander Venn, Januar 2009

Forschungsprojekt KOMKOWO an FH-Erfurt. Beschreibung als PDF verfügbar.


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