Stadtentwicklung
Retortenstädte als Entwicklungshilfe - Stadtentwicklung in der Fremde
Der Ökonom Paul Romer ist ein Vordenker. Der Stadt-Plan lautet: Erbaue neue Städte mit Technik, Wissen und Kapital der entwickelten Welt in der dritten Welt und generiere so Wirtschaftswachstum auch in unterentwickelten und unsicheren Regionen.
Die Charta - Garantie für die Sicherheit
Die neuen Retortenstädte müssen sicher sein. Große Unternehmen investieren kein nennenswertes Kapital, wenn sie befürchten müssen, dass ihre Investition je nach gerade aktueller politischer Lage, mal Bestand hat, mal enteignet wird, oder schlicht der Zerstörung anheim fallen. Die neuen Städte bedürfen einer Garantiemacht, einer Schirmherrschaft, die für die Einhaltung der Abmachungen sorgt, somit auch durchzusetzen vermag. Wenn sich mehrere Nationen auf eine Charta für diese Stadt-Neugründung verständigen, dann hat diese Stadt sofort ein erprobtes und funktionierendes Rechtssystem. Die Gründerstaaten bringen ihr Know-how, ihre Infrastruktur und ihre Schutzsysteme ein. Ein Begriff für diese Städte ist schon gefunden: „Charter-Cities“. So lautet auch die gleichnahmige Homepage www.chartercities.org, die sich dem Aufbau der Städte in der Fremde widmet.
Investitionssicherheit nur durch staatlichen Schutz
Die Städte sollen auf bisher unbesiedeltem Grund und Boden am Meer entstehen. Als Beispiel seien Kenia oder beliebige andere Staaten genannt, die zwar irgendwie Fortschritte machen, doch immer wieder mal politisch sehr labil sind. Mit den Staaten kann man Verträge über eine langfristige Nutzung schliessen. Damit man sich nicht dem Vorwurf der Vetternwirtschaft aussetzt, kann man durchaus eine Volksabstimmung im Gastland zur Grundlage des Vertrages einfordern. Es ist für die Akzeptanz der Städte wesentlich, dass die Verträge freiwillig geschlossen werden. Ziel ist nicht ein Neokolonialismus, sondern das Einrichten von Sonderwirtschaftszonen, in dem Wissen, dass die Stimmungen auch mal Kippen können. Weder Unternehmen noch Staaten werden allzu viel investieren, wenn sie mit fast nichts rechnen können und das Gewaltmonopol schlicht auf der anderen Seite ist. Da man sonst entweder Erpressbar wird, oder schlicht rausgeworfen werden kann. Man könnte in einem örtlichen Bürgerkrieg durchaus mal nichts weiter als ein Kollateralschaden werden. Verträge werden immer nur von den aktuellen Machthabern geschlossen, sie haben in bestimmten Ländern nur eine kurze garantierte Haltwertszeit. Verträge mit irgendwelchen ausländischen Firmen einzuhalten, sind bei Regierungsumstürzen nicht die prioritäre Frage, andere Dinge kommen dann zu erst. Wenn es schnell gehen soll, sind Garantien unumgänglich.
Ökonomischer Gewinn für alle Beteiligten
Mal angenommen die Schirmherrschaft für die Stadt hat Bestand. Für beide Seiten kann sich eine ungeheure Win-Win-Situation ergeben. Das Gastland hat nicht nur Zugang zu Hochtechnologie und zu einer perfekten Infrastruktur, sondern auch eine direkte Nähe und somit die Möglichkeit zur Adaption. Es ist ein großer Unterschied, ob Entwicklungshelfer ins Land kommen und den Empfängerländern mehr oder weniger direkt sagen, was tun sei, oder ob sich die Menschen vor Ort ein Bild davon machen, wie man etwas organisiert und es dann selbst nachmachen. Die Retortenstadt lässt tiefe Einblicke gewähren. Alles was mit Stadtentwicklung zusammenhängt ohnedies, aber auch Produktionsabläufe können besser verstanden werden, das Agieren von Menschen in einem rechtlich sicheren Umfeld setzt erkennbar andere Kräfte frei als in einem korrumpierten Raum. Es ist zwar nicht so, dass es im Westen keine Korruption gäbe, entscheidend ist aber die Intensität und gesellschaftliche Durchdringung. Letztlich findet eine erhöhte Kommunikation statt, wenn die neue Stadt offen geleitet wird. Es ergeben sich ganz andere Netzwerke, als wenn nur die Einkäufer aus den fernen Firmenzentralen zwei Mal im Jahr eine Stippvisite am Produktionsstandort vor Ort vornehmen. Die neue Stadt wird nicht autonom sein wollen, sondern wird versuchen das Umland zu erschließen, bessere Verkehrswege und sowohl technische als auch personelle Kommunikationswege werden entstehen. Man könnte auch sagen, dass die neuen Retortenstädte Leuchttürme sind, von denen das Umland in vielerlei Hinsicht profitiert. Es muss eben irgendwo mal ein Anfang gemacht werden.
Fazit - Stadtentwicklung ist die besser Entwicklungshilfe
Entwicklungshilfe kann eben auch ganz anderes aussehen. Man tritt nicht mehr als Lehrer auf, sondern führt langfristig vor, wie Dinge funktionieren können und setzt auf das Nachahmungsverhalten der Menschen. Voraussetzung ist allerdings, dass man sich anständig verhält, in Sinne des Gastlandes. Die Charta sollte also auch Verhaltenscodizes beinhalten. Auch ein Pächter muss sich kompromissbereit zeigen.
Alexander Venn Oktober 2009


