Stadtentwicklung
Städte müssen selbstbestimmtes Wohnen und Arbeiten im Alter anbieten
Die demografische Entwicklung in Deutschland ist ziemlich gut absehbar. In 2040 werden laut bmvbs 7,5 Mio. Menschen über 80 Jahre alt sein und 23,7 Mio. die 65 überschritten haben. Mit viel Glück wird die Gesamtbevölkerung um die 80 Mio. tendieren. Ein Revival der 10-köpfigen Jungfamilie ist nicht in Sicht.
In den Plänen des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung wird dieser Entwicklung durchaus Rechnung getragen. Die Städte müssen und werden sich verändern. Insbesondere der Umbau des urbanen Wohnraumes soll und wird gefördert. Einige Maßnahmen für ein selbstbestimmtes barrierefreies Wohnen im Alter sind: die Schaffung von Bewegungsfläche, Überbrückung vorhandener Stufen zur Eingangstür, beidseitige Handläufe, Gegensprechanlagen, Türantriebe und deren Bedienelemente, Einbau von Aufzügen, Herstellung ausreichend breiter Türöffnungen, Anpassungen des Wohnungsgrundrisses, Umbau von Sanitärräumen, Anpassung von Haustechnik (z. B. Schalter, Anschlüsse, Bedienungseinrichtungen), barrierereduzierende oder -freie Anpassung des Wohnumfeldes, die Einrichtung von Stellplätzen sowie die Schaffung von Gruppenräumen. Noch vieles mehr ist denkbar. Das ist die eine Seite, und zwar die für altersbedingte Beschwerden.
Doch die Stadtentwicklung und das Quartiersmanagement ist noch weiter gefordert. Erkannt wurde schon, dass wettbewerbsfähige Stadtquartiere entstehen sollen, die sowohl Leben, als auch Arbeit, Freizeit und Kultur anbieten müssen. Wettbewerbsfähig heißt hier, dass schlechte, heute quasi abgeschriebene Quartiere wieder eine Qualität erhalten, so dass sie nicht außerhalb der beliebten als auch normalen Quartiere stehen. Das Lebensqualitätsniveau soll in allen Stadtquartieren zumindest so hoch sein, daß alle Stadtteile immer eine mögliche freiwillige Alternative darstellen. Damit erreicht man eine höhere Vielfalt und Anzahl an möglichen und lebensbejahenden Wohnformen in der Stadt.
Der wohl wesentliche Punkt für die Stadtentwicklung der altersgerechten Stadt wird aber die Schaffung von Arbeit für die ältere Generation sein. Die sollte möglichst nah am Wohnort sein. In verstopften und hektischen U-Bahnen den Weg zur Arbeit, zu finden macht mit einem Stock nicht mehr so viel Spaß. Die Nähe ist also das eine. Doch wichtiger ist die Schaffung von Arbeitsplätzen für die Menschen jenseits der 65 oder 67. Genügend ältere Menschen würden gerne arbeiten, dürfen aber nicht, oder erhalten derart hohe finanzielle Einbußen, dass sich das ganze nicht mehr rechnet. „Nach einer Forsa-Umfrage wünscht sich ein Viertel der Menschen zwischen 60 und 80 Jahren einen bezahlten Job, 14 Prozent haben einen, und dieser Anteil wird größer“, so der SPIEGEL vom 29.06.09. Das ist eben die andere Seite der demografischen Entwicklung, der Arbeitspool von erfahrenen Arbeitskräften wächst. Für die Städte ist dieser Punkt relevant, da sie im Zweifel für die Sozialhilfe als Zuschuss zur Rente aufkommen müssen und somit, sofern es sich um eine Boomcity handelt auf einen erheblichen Teil der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung verzichtet. Die Rente in der jetzigen Form wird es zukünftig mit diesem Niveau in der Lebensqualität kaum mehr geben. Arbeit erfüllt mehrere Funktionen: Geldverdienen ist nur eine Funktion, im Alter gehört aber auch dazu, daß man sich noch wichtig fühlt. Seinen gesellschaftlichen Beitrag jenseits von organisierten Kaffeefahrten zu leisten, ist für viele ältere Menschen ein reales Bedürfnis. Doch der Umkehrschluß, dann eben nur unbezahlte Arbeit anzubieten ist unzulässig – eine gewisse monetäre Wertschätzung sollte für wirtschaftsnahe Arbeit schon gewährleistet sein. Außerdem erbringt schlecht bezahlte Arbeit auch nur geringe Sozialversicherungsbeiträge. Auf jeden Fall sollten sich die Städte in dieser Frage, schon aus Eigeninteresse stärker in die politische Diskussion einbringen.
Städte, die hier aktiv sind, werden ein ungeahntes Potenzial freilegen und in erheblichem Maße profitieren, auch um den Preis, dass in der Statistik zunächst einmal die Arbeitslosenquote höher ausfallen wird, wenn man plötzlich all die über 67 jährigen hinzurechnet, die ein Job haben wollen, aber noch nicht haben. Doch in dieser Hinsicht trifft es alle Städte gleichermaßen. Zu einem selbstimmten Wohnen im Alter gehört auch die Möglichkeit zu arbeiten.
Alexander Venn, Juni 2009



